Von 1940 bis 1980

Die Sorge um’s Überleben kennzeichnete eine Zeit,
die der Narretei die Existenz raubte.

Die alte Mühle von Urdenbach zur Zeit des Krieges

 

Bis zum Beginn des Krieges war Urdenbach die Heimat von
2 Karnevalsgesellschaften, als da waren die „Alte Karnevalsgesellschaft 1910“ und der „Allgemeine Verein der Karnevalsfreunde Urdenbach e.V.“.

Trotz der schweren Nachkriegszeit versuchte als erste die „Alte Karnevalsgesellschaft 1910“ bereits 1946 auch den Karneval in Urdenbach wieder zu erwecken. Mit Hilfe einiger Mitglieder des „Allgemeinen Verein der Urdenbacher Karnevalsfreunde“ gelang es dann auch tatsächlich, in der Session 1946/47 neu zu beginnen.

Diese Grazien bekamen den „Blutwurst“- Orden für einen Auftritt. v. lks:

Elisabeth Kirchberg,
Maria Jöpen,
Magaret Brehme,
Leni Rommerskirchen,
Herta Welker.

Man kann sich heute kaum dabei vorstellen, dass Überreste aus den vergangenen Kriegstagen dabei ausschlaggebend waren. Die ersten Kostüme entstanden aus Fallschirmseide oder alten Militärwolldecken. Urdenbacher Metzger stifteten „fleischlose“ Blutwurst als Orden für die noch spärlich vertretenen Büttenredner.

Das Wort „Währungsreform“ war noch ein Fremdwort. Die Lebensmittelkarten bestimmten den Alkoholverbrauch oder aber die „selbstgebrannten“ Schnäpse Marke „Itterwasser“, heimlich gebrannt in Urdenbacher Heimen.

Der Geruch von „Sherry-Knolli“ und der Tabakduft Marke „Fijulen-Damm“ durchzogen die Urdenbacher Säle, wenn die Narren tagten.

Im Sommer 1947, nachdem eine ganze Reihe alter Mitglieder des „Allgemeinen Verein der Karnevalsfreunde  Urdenbach e.V.“ heimgekehrt waren, beschlossen diese auch ihre Gesellschaft neu Aufleben zu lassen. Um die Heimatverbundenheit zu Urdenbach zu bekräftigen, beschloss man den Vereinsnamen zu ändern und nannte sich fortan „GESELLSCHAFT MÜLLEJECKE 1924“.

Nicht nur das Leben der Menschen änderte sich mit der Währungsreform, nein, auch der Karneval kam zu neuen Blüten.
Jede Session füllte die vier großen Säle in Urdenbach mit närrischem Treiben.
Urdenbach feierte alljährlich Karneval  „total“. Ganz gleich ob „Jägerhof“,
„Haus Büchel“, „Mevissen“ oder „bei Fernando“, Säle gab es genug – und an

Begrüßung des Karnevalszuges

 

Müllejecke im Zug der 50er Jahre

Narren gab es keinen Mangel. Auch der Umzug des traditionellen  Karnevals-Sonntag-Zuges wurde wieder aktuell. 1951 präsentierte man voller Stolz das 1. Nachkriegs-Mühlengrafenpaar de Session 1950/51 die Eheleute Hermann und Caroline Eich. Urdenbach hatte wieder einen Umzug, ein Mühlengrafenpaar und vor allen Dingen, den Karneval in seiner ursprünglichen Form.

Als der Präsident der „Müllejecke“, Johann Quirl, 1952, sein Amt aus gesundheitlichen Gründen niederlegen musste, war „guter Rat teuer“. Jakob Freibeuter ein Symbol des Urdenbacher Theater-Vereins „In Treue fest“ war es dann, der die Präsidentschaft und die Führung des Vereins „Müllejecke 1924“ übernahm.

Gleichzeitig wählten ihn die Urdenbacher Vereine als Vorsitzenden des Urdenbacher Karnevals-Ausschusses.
Obwohl kein geborener Urdenbacher (aber ein echter Altstädter-Jung), war er schon ein Urdenbacher Original. Gemeinsam mit Hubert Fanenbruck hat er als
„Duo F+F“(=Froh und Fröhlich) seiner Heimat unvergessene Melodien und Lieder geschenkt. Mit ihm, Jakob Freibeuter, bekam Urdenbach einen Mann, den dieses „Dorf“ zur Pflege des Karnevals und des Winterbrauchtums erwartete, einen Mann, auf den die „Müllejecke“ immer stolz sein werden. „Mühlengraf sein ist eine besondere Ehre“ sagte damals das Mühlengrafenpaar des Jahres 1951/52, das Ehepaar Josef und Helga Freibeuter.

                             Mühlengrafenpaar Josef u. Helga Freibeuter 1951-52

In der Session 1952/53 war es das Ehepaar Michael und Hedwig Wittgen, aus der
„Siedlergemeinschaft Urdenbacher Acker“, die als närrisches Mühlengrafenpaar
in Urdenbach regierten.

Man sollte hier besonders noch einmal in Erinnerung rufen, dass der Mühlengraf Michael viele Jahre der „Hoppeditz“ von Urdenbach war. Klein von Gestalt, aber groß im Humor, so war er, dem man gerne als Mühlengraf huldigte. Hätte es einen „Oskar“ für Hoppeditz gegeben, Michael Wittgen wäre er zugesprochen worden. Alle Mühlengrafenpaare der folgenden Jahre haben ihre eigenen Ideen und karnevalistischen Gedanken in den Urdenbacher Karneval der Nachkriegszeit eingebracht.

Hier darf man die Namen voller Stolz  nennen:
1954 waren es Heinz Schuster und Ehefrau Annemie, gefolgt 1955 von den
Eheleuten  Wolfgang und Hanni Breitfeld. Erich Meister und Ehefrau Marianne
präsentierten sich 1956 als Mühlengraf und Gräfin, gefolgt 1957 von
Willi Wannhoff und Ehefrau Maria. Fritz Marquard und Ehefrau Hanni 1958
und im Jahre 1959 waren es Willi und Elisabeth Rommerskirchen.

Gerne erinnern sich viele an die Regentschaft des Mühlengrafenpaares 1960
Hubert und Luise Fanenbruck. War es doch Hubert Fanenbruck, der ebenfalls
in dieser Zeit gemeinsam mit dem damaligen Präsidenten der „Müllejecke“
Jakob Freibeuter, eine ganze Reihe urtümlicher, karnevalistischer Lieder dichtete
und  komponierte.

Zugaufstellung zum Karnevalszug 1960 in Urdenbach

1961 dann, es musste einmal kommen, war es Jakob Freibeuter, Präsident der„Müllejecke“ selbst, der den närrischen Thron des Mühlegrafenpaar gemeinsam mit seiner Gattin Paula bestieg. „D’r Köbes is Müllejraf“- Urdenbach stand Kopf.

   

Mühlengrafenpaar Jakob u. Paula Freibeuter 1961-62

Er, der dem Urdenbacher Brauchtum Jahre voller Freude und Humor schenkte, führte sein Amt mit sehr viel Freude und Frohsinn aus.

August Rommerskirchen und Ehefrau Leni waren es dann 1962, gefolgt
im Jahre 1963 von Harry Lankau und Ehefrau Henni, die die nächsten im
höchsten Amte des Urdenbacher Karnevals waren.

1964 bestiegen Josef Schillings und Tochter Emmi den närrischen Thron.
Joses Schillings, seit der Gründung im Jahre 1924 Bühnen- und Zeugwart des
Vereins „Müllejecke“ krönte seine Mitgliedschaft mit dem höchsten
Amt – dem Mühlengrafen. 1965 kürte man Günter und Christel Daniel
als Nachfolger.

Mühlengrafenpaar 1964 1964 Schillings Mühlengrafenpaar
Josef und Tochter Emmi
Schillings
1964-1965

Das Leben und die Gesellschaft hatte sich geändert. Fernsehen und
Medienwelt brachen ein in den Karneval. 1966 fand sich niemand mehr bereit, das Amt des Mühlengrafen zu übernehmen. Doch noch einmal waren Urdenbacher Bürger bereit, das Symbol des Karnevals „im Dorf“ zu vertreten. 1967 waren es
Ewald und Waltraut Steinberg sowie im Jahre 1968 die Eheleute Gerd und Uschi Jackmuth, die als letztes Mühlengrafenpaar noch einmal ein altes Brauchtum zu neuem Glanz brachten.

Mühlengrafenpaar Gerd u. Uschi Jackmuth 1968-69

Danach blieb die Position des Mühlengrafenpaares vakant.

1970 trafen sich noch einmal alle ehemaligen Mühlengrafenpaare, um der alten Tradition und dem Urdenbacher Karneval zu huldigen. Vorbei war die Zeit, als Urdenbach den Narren und auch anderen Vereinen eine Heimatstadt war.
Die Säle, die tausenden eine närrische Heimat des Winterbrauchtums geboten hatten, gab es nicht mehr. Vorbei die Zeit, wo man Sitzungen und Feiern „im Dorf“ abhalten konnte.

 

Die Urdenbacher Vereine wurden zu „Vertriebenen“. So erging es auch den „Müllejecken“.
Schon das Treffen der Mühlengrafenpaare 1970, musste man aus Platz- und Saalmangel nach Garath verlegen; einem Stadtteil, der zwar nicht die idealen Verhältnisse an  Räumlichkeiten bot, aber lange Zeit ein Ersatz für verlorene Urdenbacher „Säle“ war.

Karneval in der Aula an der Stettinerstr. in Garath

Besonders die Urdenbacher haben es den Müllejecke viele Jahre angekreidet, dass ein alter Urdenbacher Verein in den neuen Stadtteil Garath umzog.

Niemand wollte damals Verständnis dafür aufbringen, dass auch ein Karnevals-Verein auf Einnahmen seiner Veranstaltung, und der Anzahl von Besuchern angewiesen ist und in der heutigen finanzbezogenen Zeit diese Einnahmen benötigt, um zu existieren und ein altes Brauchtum zu pflegen.

Bis 1964 bekleidete Jakob Freibeuter die Ämter des 1. Vorsitzenden und des Präsidenten der Müllejecke. Im gleichen Jahre entschloss man sich, die beiden Positionen innerhalb des Vereins zu trennen. Neben seiner Tätigkeit als Präsident hatte Jakob Freibeuter auch noch die Verantwortung für den alljährlichen Karnevalsumzug in  Urdenbach zu tragen.
Daher übertrug man 1964 das Amt des 1. Vorsitzenden an August Rommerskirchen.

Das war auch die Zeit, als die Tradition des Urdenbacher Karnevals-Umzuges ihrem Ende entgegen ging. Hauptgrund dafür war die Krankheit von Jakob Freibeuter, welchen man heute noch als das Herz des närrischen Urdenbach’s bezeichnet.

1967 beklagten die Müllejecke unverhofft den Tod ihres 1. Vorsitzenden
August Rommerskirchen. Wieder war es Jakob Freibeuter, der um des alten Brauchtums Willen das Amt des 1. Vorsitzenden zusätzlich übernahm.

Selbstaufopfernd glaubte Jakob Freibeuter, dem Urdenbacher Karneval einen Dienst zu erweisen, aber auch er hatte sich überschätzt. 24 Stunden am Tag dem Karneval zu dienen waren auch ihm zuviel.
So war er froh, als Herbert Leuchtenberg, trotz angeschlagener Gesundheit sich bereit erklärte, den 1. Vorsitz für ein Jahr zu übernehmen.

1970 war es dann Hans Hamacher, der auf Vorschlag von Jakob Freibeuter
das Amt des Präsidenten der „Müllejecke“ übernahm. Jakob Freibeuter hatte sich
damit einen Nachfolger als Präsidenten erwählt und behielt selbst nur das Amt
des 1. Vorsitzenden.

Hans Hamacher war es, der als erster die Idee zur Teilnahme am Rosenmontagszug

in Düsseldorf anregte. „Düsseldorf im Jahre 2000“ war das Motto des Zuges und die
„Müllejecke“ präsentierten in einem futuristischen Wagen die „Rheinbahn im Jahre 2000“.

In der Rosenmontags Wagenbauhalle beim Richtfest 1972

1970 waren die „Müllejecke“ auch stolz darüber, dass sie „korrespondierendes Mitglied“ des damaligen Karnevals-Ausschusses der Landeshauptstadt Düsseldorf wurden.

Seit 1974 (dem damaligen 50-jährigen Jubiläumsjahr) sind die Müllejecke „Vollmitglied des heutigen „Comitee Düsseldorfer Karneval“. Die Teilnahme am Düsseldorfer Rosenmontagszug ist somit seit 1971 Tradition der Gesellschaft.
Karl Reismann, langjähriger Präsident des Karneval-Ausschusses der Landeshauptstadt Düsseldorf, gab der Gesellschaft „Müllejecke“ 1974 als Jubiläumsgeschenk die Mitgliedschaft im damaligen „Karnevals-Ausschuss“.
Die Gesellschaft „Müllejecke 1924“ ist heute noch stolz darauf, dass Reismann
bis zu seinem Tode der Gesellschaft ein treuer Freund blieb. Die „Müllejecke 1924“
sind seither über die Urdenbacher Grenzen hinaus im Düsseldorfer Karneval voll anerkannt.

In ihrem Gründungsort Urdenbach litten sie jedoch unter dem Verdacht des „Verrates“ am „Dorf“.
Niemand wollte in den 70er Jahren erkennen, dass es in Urdenbach weder für den Karneval, noch für andere Vereinsaktivitäten genügend Raum (sprich Säle) gab, um dem „Karneval“ den nötigen Spielraum zu gewährleisten.
Hans Hamacher, der seit 1970 die Geschicke des Vereins mit gestaltet hatte, legte im Jahre 1976 aus persönlichen Gründen seine Ämter nieder.

Paul Benninghaus, bisher 2. Vorsitzender, übernahm das Führungsamt und Rudi Hamacher wurde der jüngste Präsident der Gesellschaft. Rudi Hamacher, ein hoffnungsvolles Talent des Karnevals und des rheinischen Brauchtums, war es nicht vergönnt, sein Amt auf längere Zeit ausüben zu können. Ein tragischer Verkehrsunfall setzte seinem Leben ein plötzliches Ende. Wenn es für einen kommt, dann kommt es doppelt.

Die Jahreshauptversammlung 1977 wählte Heinz Holtschneider, seit 1952 Mitglied im Verein zum 1. Vorsitzenden und Hilde

Decker (seit 1972 Mitglied der Müllejecke) zur Präsidentin der Gesellschaft.

 

Hoppeditz Beerdigung im Bild vorne in der Mitte Hilde Decker rechts daneben Heinz Holtschneider

Gleichzeitig wurde der Ehemann von Hilde Decker, „Wim“ närrischer Schutzmann.